Über den Tod und das Sterben

Über den Tod und das Sterben

Was Sterbende Ärzten, Pflegekräften, Geistlichen und ihren eigenen Familien beibringen können – Elisabeth Kübler-Ross, 1969

Nur wenige Bücher haben die Art und Weise, wie die Welt mit Sterbenden umgeht, so sehr verändert wie dieses. Es ist zugleich eines der am häufigsten falsch interpretierten Bücher. Die meisten Menschen kennen es als Quelle der „fünf Phasen“. Weitaus weniger haben gelesen, was tatsächlich darin steht: die Stimmen sterbender Patienten, die für sich selbst sprechen, zu einer Zeit, in der fast niemand mit ihnen sprach.

Titelbild von „Über den Tod und das Sterben“ von Elisabeth Kübler-Ross

Ein Buch, das mit einer Frage begann

Im Herbst 1965 baten vier Studierende des Chicago Theological Seminary Elisabeth, ihnen dabei zu helfen, sich mit dem Sterben auseinanderzusetzen. Sie schlug vor, was bis dahin noch niemand getan hatte: die Sterbenden selbst zu befragen. Woche für Woche saß ein schwerkranker Patient bei ihr und sprach darüber, was mit ihm geschah, während Studierende, Seelsorger, Pflegekräfte und Ärzte zuhörten und anschließend das Gehörte diskutierten.

Aus diesen Gesprächen entstand das Buch. Der Untertitel verrät, wer die Lehrer waren: nicht die Ärzte, sondern die Patienten. Ein Kollege von der University of Chicago, der ihre Arbeit fünf Jahre lang beobachtet hatte, bezeichnete sie später als die beste Interviewerin, die er in mehr als einem halben Jahrhundert Berufserfahrung gesehen hatte.

Dr. Kübler-Ross war ein Genie, wenn es um Interviews ging.

Dr. med. Mark Siegler, Universität Chicago, in: „The American Journal of Bioethics“ (2019)

Was steht eigentlich in dem Buch?

Der größte Teil von „On Death and Dying“ besteht nicht aus Theorie. Es handelt sich um Gespräche: lange, sorgfältig aufgezeichnete Interviews, in denen Patienten ihre Ängste, ihre Wut, ihre Kompromisse, ihre Hoffnungen und ihre Einsamkeit schildern. Elisabeth erklärte in ihrem Vorwort ganz klar, was das Buch nicht sei.

Es soll weder ein Lehrbuch über den Umgang mit sterbenden Patienten sein, noch ist es als umfassende Abhandlung über die Psychologie des Sterbens gedacht.

Elisabeth Kübler-Ross, „Über den Tod und das Sterben“ (1969), Vorwort

Wenn man das Buch selbst liest, gibt es einige Dinge, die diejenigen überraschen, die nur die Zusammenfassung kennen:

  • Die Antworten bildeten niemals eine Abfolge. Sie schrieb, dass sie „von unterschiedlicher Dauer sein werden und sich gegenseitig ablösen oder zeitweise nebeneinander bestehen werden“.
  • Hoffnung zieht sich wie ein roter Faden durch das Ganze. Sie hat der Hoffnung ein eigenes Kapitel gewidmet, und in ihrer Grafik ist dies die längste Linie von allen – von der Diagnose bis fast zum Ende.
  • Es gab zwei Arten von Depressionen: eine reaktive Trauer über das, was bereits verloren gegangen war, und eine vorbereitende Trauer auf das, was noch kommen würde – und jede davon musste anders bewältigt werden.
  • Auch die Familie trauert. Ein ganzes Kapitel beschreibt, wie die Angehörigen dieselbe Wut und dieselbe vorbereitende Trauer durchleben wie der Patient – und das im Jahr 1969, lange bevor überhaupt von „Trauerphasen“ die Rede war.

Wie sich die Phasen nach Erscheinen des Buches von 1969 bis 1980 weiterentwickelten, erfahren Sie auf unserer Seite „Die fünf Phasen der Trauer® “.

„Stages“ auf Englisch, „Phasen“ auf Deutsch

Elisabeth war Schweizerin, und Englisch war nicht ihre Muttersprache. „Stage“ kann an eine Treppe erinnern: eine Stufe, dann die nächste, niemals zurück. Im Deutschen muss man sich für ein Wort entscheiden, und diese Wahl ist entscheidend. Seit der ersten deutschen Ausgabe, „Interviews mit Sterbenden“ (1971), wird in dem Buch „Phasen“verwendet – Phasen, die sich überschneiden und wiederkehren können –, und niemals „Stadien“, also feststehende Schritte in einer Abfolge.

Eine Phase ist das Wetter; eine Stufe ist eine Treppe. Ein Großteil der seit fünfzig Jahren andauernden Debatte darüber, ob Trauer in „Phasen“ verläuft, dreht sich um ein einziges englisches Wort. Die Grafik am Ende des Buches verdeutlicht, was sie meinte: insgesamt zehn Reaktionen, die sich eher überschneiden als aufeinander aufzubauen, wobei die Hoffnung jede einzelne durchzieht. Nur fünf davon waren nummeriert.

Die zehn Antworten aus der Grafik in „On Death and Dying“ (1969), darunter „Hoffnung“, wurden von der Stiftung als sich überschneidende Phasen neu dargestellt. Nur fünf davon wurden nummeriert.

Das zweite Buch: Fragen und Antworten über Tod und Sterben (1974)

Fünf Jahre später beantwortete Elisabeth die Fragen, die ihr Leser und Fachleute immer wieder stellten. Viele wollten wissen, ob das, was sie beschrieben hatte, auch auf Menschen zutraf, die gar nicht im Sterben lagen. Ihre Antwort lautete: Ja. Auf die Frage nach einer Frau, die ihr Augenlicht verlor, erklärte sie, dass ihre blinden Patienten dieselben Reaktionen durchliefen wie ihre sterbenden Patienten:

die gleichen Phasen wie jeder andere, der gerade dabei ist, etwas sehr Wichtiges zu verlieren.

Elisabeth Kübler-Ross, Fragen und Antworten über Tod und Sterben (1974)

Das Gleiche sagte sie auch über gelähmte Patienten, von denen viele junge Vietnam-Veteranen waren. Keiner von ihnen lag im Sterben. Bis 1974 hatte sich das, was als Beschreibung des Sterbens begonnen hatte, zu einer Beschreibung des Verlusts gewandelt, und Verlust ist eine Angelegenheit der Lebenden.

Was das Buch verändert hat

Vor 1969 wurde sterbenden Patienten oft nicht mitgeteilt, dass sie im Sterben lagen, und Krankenhäuser unterbrachten sie am anderen Ende des Flurs. Das Buch „On Death and Dying“ rückte ihre Stimmen in den Mittelpunkt. Es wird weithin als Wegbereiter der Hospizbewegung und der Palliativmedizin angesehen und hat dazu beigetragen, die Art und Weise zu verändern, wie Ärzte mit schwerkranken Menschen sprechen.

Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Buches widmete das „American Journal of Bioethics “ im Jahr 2019 eine Ausgabe weitgehend diesem Werk. Der Leitartikel des klinischen Ethikers Mark Kuczewski argumentiert, dass das Buch den Grundstein für die klinisch-ethische Beratung gelegt habe, und nennt drei Spannungsfelder, die darin offenbart werden und mit denen sich jeder Ethiker auseinandersetzen muss, ohne sie jemals vollständig auflösen zu können: dem Patienten Gehör zu schenken versus den Fall zu medizinisieren, zu einem besseren Sterben beizutragen versus den Wunsch des Patienten nach der Art seines Todes zu respektieren, sowie professionelle Distanz zu wahren versus sich wirklich einzubringen. Er merkt an, dass viele Kollegen das Buch als „veraltet“ abtun, ohne es gelesen zu haben.

der ursprüngliche Bioethiker des Volkes

Mark G. Kuczewski, „The American Journal of Bioethics“ (2019), über Elisabeth Kübler-Ross

Ein weiterer Autor, der Bioethiker Christoph Rehmann-Sutter, argumentiert, dass neuere Forschungsergebnisse, die Unterschiede in der Art und Weise aufzeigen, wie Menschen auf Verluste reagieren, „kein Argument gegen Kübler-Ross“ seien, sondern eine Antwort auf ihre Aufforderung, den Patienten genauer zuzuhören. Lesen Sie mehr über die gesamte Ausgabe.

Aus dem Vorwort von Dr. Ira Byock zur aktuellen Ausgabe

„In einer Zeit, in der Mediziner über fortgeschrittene Krankheiten nur in Euphemismen oder indirekten, geflüsterten Bemerkungen sprachen, gab es hier einen Arzt, der tatsächlich mit den Menschen über ihre Krankheit sprach und – was noch radikaler war – ihnen aufmerksam zuhörte, was sie zu sagen hatten.“

„Diese als ‚Kübler-Ross-Phasen des Sterbens‘ bekannt gewordenen Phasen wurden kritisiert, weil sie den Eindruck einer schematischen Abfolge von Phasen im Sterbeprozess vermitteln. Jeder, der das Buch liest, wird erkennen, dass diese Darstellung eine vereinfachte und ungenaue Wiedergabe dessen ist, was sie beschrieben hat.“

„Es würde nie wieder so sein wie früher. Und wir alle sind dadurch besser geworden.“

Dr. med. Ira Byock, Professor für Medizin an der Geisel School of Medicine in Dartmouth, 16. August 2013. Auszug mit freundlicher Genehmigung von Dr. Ira Byock.

Auch nach siebenundfünfzig Jahren noch immer gelesen

„Über den Tod und das Sterben“ ist nie vergriffen gewesen. Es liegt in 42 Sprachen vor, wurde von der New York Public Library zu einem der „Bücher des Jahrhunderts“ gekürt und 2024 in die „Simon & Schuster 100“ aufgenommen, die Auswahl des Verlags aus 100 Büchern seines ersten Jahrhunderts. Im Januar 2026 war es Gegenstand einer 41-minütigen Dokumentation des japanischen Staatssenders NHK.

Lies das Buch gemeinsam mit uns

Der Online-Kurs der Stiftung führt Kapitel für Kapitel durch das Buch „On Death and Dying“ – in Elisabeths eigenen Worten – und beleuchtet dabei auch, wie sich ihre Vorstellungen zu den Phasen nach der Veröffentlichung des Buches weiterentwickelt haben. Der Kurs kann im eigenen Tempo absolviert werden und ist weltweit verfügbar.

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Die fünf Phasen der Trauer®
Bioethik gedenkt Elisabeth

Zitate von Elisabeth Kübler-Ross © Elisabeth Kübler-Ross Family Limited Partnership. Verwendung mit Genehmigung. „Five Stages of Grief®“ ist eine eingetragene Marke der Elisabeth Kübler-Ross Family Limited Partnership.

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